Direkt zum Inhalt

Zum Feierabend die Glasproduktion abstellen und morgens wieder anstellen, so funktioniert das nicht in der Welt des Glases. Bei der Floatglas-​ oder Flachglasherstellung handelt es sich um ein Endlosband, bei dem 24/7 flüssiges Glas auf einem Zinnbad fließt (engl.: to float). Da Glas leichter als Zinn ist, schwimmt es glatt obenauf, bevor das Gemisch aus Quarzsand, Kalk, Dolomit und Soda erkaltet und erstarrt.

In die Geheimnisse des Glases weiht uns Ralf Patscheider, Leiter der Auftragsvorbereitung bei Glas Trösch, ein. Bei unserem Besuch werden am Standort in Memmingen die großen Scheiben für die Fassade des Besucherzentrums produziert, die bis zu 630 kg wiegen!

Als wir die heiligen Hallen betreten, fährt gerade ein Spezial-​Glastransporter, ein sogenannter Float-​Liner, mit 20 Tonnen Glasware ein. Damit es nicht zum Bruch kommt, öffnet der LKW einfach seinen Boden und setzt die Glasscheiben behutsam ab. Die Scheiben, die der Fahrer für das Besucherzentrum geladen hat, sind farbneutral, damit die Besucher später die Kaffeerösterei hautnah bestaunen können. Sind Gläser grün, ist der Eisenoxid-​Anteil höher und nicht extra herausgefiltert.

Die Glasscheiben, die hier angeliefert werden, sind sechs Meter lang und 3,21 Meter breit. Seltsames Maß, woher kommen die 21 Zentimeter? Das liegt zum einen an dem eingangs erwähnten Floatbad, das in seiner Breite begrenzt ist. Zum anderen gibt die EU vor, dass die Fahrzeughöhe inkl. Ladung (hier die aufgerichteten Scheiben) nicht höher als vier Meter sein darf.

Rapunzel Nussmus-​Gläser in der Fassade des Besucherzentrums?

Nach einer kurzen Lagerung geht’s für die Glasscheibe auf den Schneidetisch. Dort wird sie lediglich angeritzt und dann sauber auf die gewünschte Größe gebrochen. Ralf Patscheider plant im Vorhinein genau, wie viele Scheiben er aus einer großen Fläche herausholen kann. So bleiben meist nur ca. vier Prozent Glas übrig, welches wieder eingeschmolzen und zu neuem Glas wird.

Wir fragen uns, ob es möglich wäre, dass sich ein eingeschmolzenes Rapunzel Nussmus-​Glas in der Fassade des Besucherzentrums wiederfindet. "Leider nein", schmunzelt Ralf Patschneider. "Flachglas und Hohlglas haben unterschiedliche Schmelzpunkte und werden nicht vermischt."

Als wir den Glas-​Fachmann auf dem Hof vor der Firma nach seinem persönlichen Bezug zu dem Material fragen, lässt er uns sofort hinter die Fassade blicken, Glas begeistert ihn einfach. Es gäbe nichts, was mit dem zukunftsorientierten und nachhaltigen Material nicht machbar wäre. So hat er bei sich daheim Fenstersimse aus Glas, aber auch eine Treppe mit gläsernen Stufen wäre möglich. In der Fußgängerzone in Memmingen bleibt er schon mal stehen und begutachtet ausführlich die verbauten Scheiben. Und wann hat man Glas verstanden und weiß damit umzugehen? „Nach der Lehrzeit nochmal vier bis fünf Jahre dazu. Ich arbeite hier seit 20 Jahren und Glas fordert mich immer noch heraus.“

Aus drei mach eins: ein Verbundsicherheitsglas entsteht

Bei der Fassade des Besucherzentrums kommt ein Dreifach-​Isolierglas zum Einsatz, wobei die innere und die äußere Scheibe als Verbundsicherheitsglas ausgeführt wird – mit Eigenschaften wie man sie beispielsweise von einer Windschutzscheibe beim Auto kennt. Zwischen jede Lage Glas wird eine Folie geklebt. Beschädigt dann z. B. ein Stein die äußere Scheibe, verhindert die Folie, dass sich Scherben lösen.

Wie werden nun aber drei Scheiben zu einer? Zunächst laufen die einzelnen Scheiben durch eine Art Waschmaschine. Dann bringt ein sogenannter Applikator eine Abstandshalterung rund um das Glas an. An der Visitierstation prüfen erfahrene Mitarbeitende die Scheibe auf mögliche Kratzer oder Bruchstellen. Bei so einer großen Scheibe steht dann schon mal der Leiter des Qualitätsmanagements mit dabei. Nach ein bisschen Polieren sind alle erleichtert: Keine Kratzer. Es kann weitergehen.

Im nächsten Schritt werden die Gläser miteinander verpresst und Argon-​Gas in die Zwischenräume gegeben, die dank der Abstandshalterung bestehen. Das Gas ist schwerer als Luft und leitet schlecht, somit bleibt später die warme Luft im Gebäudeinneren. Das spart Energie und Heizkosten.

Am Ende des Fertigungsbands erscheint eine wunderschön intakte Scheibe. Geschafft. Abschließend wird die Scheibe mit Dichtstoff ringsum versiegelt und ein Kran hebt sie vom Band. Nachdem sie in der Kommissionierhalle getrocknet ist, wird sie im Hof verladen und direkt zur Baustelle transportiert.

Und wie erkennt man nun, wie viele Scheiben in einen Verbund gepresst wurden? Ralf Patschneider zeigt uns einen Trick und fragt seine Kollegen nach einem Feuerzeug. Ganz nah gehen wir an die Scheibe und die Flamme ran und siehe da, es spiegeln sich sechs Flammen, eine Flamme pro ursprünglicher Oberfläche.

Zwei Flammen leuchten röter als die anderen, hier befindet sich der Wärmeschutz. Wie die Profis können wir mit Sicherheit sagen: "Dreifachverglasung mit Wärmedämmung."

Glas Trösch
Glas Trösch
Glas Trösch
Glas Trösch
Zurück